Brühler Kunstverein
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14. Oktober bis 3. November 2018: Dreaming - Gisoo Kim

Vernissage: Sonntag 14. Oktober 2018, 11 Uhr
Einführung: Hanna Styrie M.A.

Finissage: 3. November 2018, 15 Uhr

Gisoo Kim, Landschaft mit weißen Linien


Gisoo Kim, Landschaft mit weißen Linien, 2018, 70 x 100cm, gestickt auf Fotografien

Die Foto- und Textilkünstlerin Gisoo Kim komponiert in ihren Fotocollagen Landschaften, die sich aus selbst aufgenommenen Fotografien zusammensetzen. Im Zerschneiden des Fotos und miteinander Vernähen verbindet der Faden nicht nur, er erweitert die Bilder, lässt surreale Orte entstehen, kann narrative und strukturierende Funktionen haben. "Genähte Fotocollagen" nennt Gisoo Kim ihre Mischtechniken aus Fotos und weißen oder farbigen Fäden. Hinzugestickte Gegenstände und Menschen eröffnen Assoziationsräume und veranlassen den Betrachter, den Kontext weiterzuspinnen. Allerdings werden die Fäden nicht nur zur Herausbildung von Gegenständlichem eingesetzt, sie können gleichwohl abstrakte Strukturen darstellen, die den Bildraum gestalterisch ergänzen.

Auf den ersten Blick außergewöhnlich sind die Kunstwerke von Gisoo Kim. Sie näht Fotos mit Nadel und Faden zusammen und verbindet, was eigentlich nicht zusammengehört. Für die aktuelle Ausstellung hat sie aus Fotos auch dreidimensionale Kleider genäht. Die gebürtige Koreanerin ist stolz auf ihre Kunst, aber sie gibt zu: "Das Nähen ist schmerzhaft. Ohne Fingerhut könnte ich nicht arbeiten."

Gisoo Kim, 1971 in Seoul geboren, lebt und arbeitet in Essen. Ausstellungen im In - und Ausland



Einführungsrede zur Ausstellung Dreaming - Gisoo Kim von Hanna Styrie

An das Nähen mit Nadel und Faden und das Sticken, das man früher im Handarbeitsunterricht gelernt hat, hat vielleicht nicht jeder die allerbesten Erinnerungen. Mir jedenfalls sind die Handarbeitsstunden immer quälend lang vorgekommen.
Die Künstlerin Gisoo Kim, zwischen deren Werken wir uns hier befinden, hat dieser Tätigkeit ganz neue, unverbraucht-originelle Seiten abgewonnen. Damit stellt sie sich in die Tradition so berühmter Kolleginnen wie etwa Louise Bourgeois und Rosemarie Trockel, die die Handarbeit für die zeitgenössische Kunst hoffähig gemacht haben.

Gisoo Kim, die aus Korea stammt und in Hamburg und an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat, ist aber zunächst einmal Fotografin von Orten, Landschaften und Natur. Dabei kommt, was uns heute ganz altmodisch erscheinen mag, eine analoge Kamera zum Einsatz. In einem zweiten Schritt zerschneidet sie die Aufnahmen und vernäht sie manuell miteinander. Als "genähte Fotocollagen" bezeichnet sie selbst die Arbeiten, die sie jetzt hier im Brühler Kunstverein zeigt. Durch die Collagetechnik wird das ursprüngliche Wesensmerkmal der Fotografie - die dokumentarische Wiedergabe der realen Welt - außer Kraft gesetzt.

Der Faden, mal weiß, mal farbig, hat zunächst einmal festigende Funktion, denn Kleber verwendet sie nicht. Der Faden dient aber bei weitem nicht nur als verbindendes Element. Er wird auch wie ein Zeichenstift eingesetzt, wie man etwa bei der Serie im hinteren Raum sieht, die an asiatische Holzschnitte erinnert. Dem Faden kommt eine zusätzliche Aufgabe zu, denn er erweitert die Motive, er lässt surreale Orte entstehen, er hat narrative oder strukturierende Funktion und dient als gestalterische Ergänzung des Bildraums.

Manchmal stickt die äußerst kunstfertige Gisoo Kim Gegenstände wie die luftigen schirmartigen Gebilde in die Fotocollagen und vergrößert auf diese Weise den assoziativen Spielraum für uns Betrachter.
Vor unseren Augen tun sich neue Realitäten auf, wenn der Faden selbst zum Bild gestaltenden Medium wird, der neue Perspektiven, Verdichtungen und Abstraktionen einfügt. Figuratives verschmilzt mit Ungegenständlichem, und reale Motive werden in das Reich der Fantasie überführt - Gisoo Kim beherrscht ihre Mittel und ihr Ideenreichtum ist schier unerschöpflich.

Mit welch konzeptueller Stringenz und Konsequenz sie dabei vorgeht, zeigen exemplarisch die kleinformatigen Arbeiten aus der Serie "Diary". Viel mehr als eine künstlerische Fingerübung sind diese Collagen, die sie Tag für Tag anfertigt und anschließend auf Facebook und Instagram postet. Gelegentlich nutzt sie farbiges, horizontal verspanntes Garn, um Dynamik in die Collagen zu bringen und den Eindruck der Bewegung hervorzurufen. Das gelingt ihr besonders nachdrücklich bei den Arbeiten, die übersät sind mit kleinen Stichen, die die Motive scheinbar in Schwingung versetzen. Ein markantes Beispiel dafür ist das Gartenbild. Bei dem Motiv handelt es sich um eine Aufnahme des Krankenhausgartens, die bei Gisoo Kims erstem Besuch in Brühl im Oktober 2017 entstanden ist. Fast glaubt man einen Windhauch zu spüren, der durch die Blätter wirbelt. Durch die dicht gesetzten Stiche vermittelt die Künstlerin die Illusion, man habe es nicht mit einem Standbild, sondern mit einem bewegten Bild zu tun - ähnlich wie auf den flirrenden Landschaften der Impressionisten.

Bei anderen Arbeiten wiederum bieten weite Himmel oder andere Leerstellen dem Auge Ruhepunkte. Die Collagen sind auf einem Spielplatz entstanden, bei dem kleinen Mädchen handelt es sich um die sechsjährige Tochter der Künstlerin - das durfte ich jetzt verraten. Ich habe Gisoo Kim vor drei Tagen beim Aufbau kennengelernt und dabei hat sie mir gestanden, dass das Nähen des festen Fotokartons für sie durchaus eine schmerzhafte Angelegenheit sein kann. Deshalb schützt sie die Fingerkuppen mit einem altmodischen Fingerhut. Den braucht sie auch, wenn sie sich in die Dreidimensionalität begibt, wie bei dem "Fotokleid", das sie nicht aus Stoff, sondern aus starren Fotografien des Essener Stadtgartens zusammengenäht hat. So wie es hier steht, ruft es im ersten Moment sogar die Assoziation von Tragbarkeit hervor.

Mit großer Erfindungskraft und Beharrlichkeit hat Gisoo Kim ein Werk entwickelt, das einzigartig ist. Sie vernäht Welten und lässt Grenzen verschwinden - vielleicht hat das biographische Ursachen, schließlich stammt sie selbst aus einem geteilten Land. Darüber aber können Sie selbst mit ihr sprechen, und sie auch gleich fragen, warum sie der Ausstellung den Titel "Dreaming" gegeben hat.

Hanna Styrie, 14.10. 2018